Was lässt uns kaufen?

Meine Großeltern (geboren in den 1920er Jahren) erlebten Mangel. Gemessen an der Zeit und den Umständen waren sie eher geneigt Dinge zu reparieren, Geräte selbst zu überholen oder einen Experten hinzuzuziehen. Konsumgüter waren selten; selbst kleine Werte mussten erhalten werden. Das Design vieler Artikel war eher ein Nice-to-have.

Meine Eltern (geboren in den 1960er Jahren) durften sich an die zunehmende Verfügbarkeit von Waren gewöhnen. Als jedoch immer mehr Reparaturdienste aufgaben und die Vielfalt an Warenangeboten zunahm, wurde es üblich, einen neuen Fernseher zu kaufen, anstatt den alten zu reparieren. Um nur ein plakatives Beispiel zu nennen. Waren schienen reichlich vorhanden zu sein, und der Preis war mehr entscheidend als die Verfügbarkeit. Das Design wurde zum Must-have.

Meine Generation (geboren in den 1980er Jahren) strebt nach dem Neuen und Komfort. Ich habe mich daran gewöhnt, alte Geräte viel häufiger durch die nächste Generation zu ersetzen. Die Handys, die ich seit den 90er Jahren hatte, sind zahlreich. Design, Trends, Funktionen und auch die Preisgestaltung beeinflussten primär mein Kaufverhalten.

Warum sind wir so verschwenderisch?

Angenommen, meine persönliche Erfahrung ist nur ein Symptom, was ist das zugrundeliegende Problem? Teilweise erklärt es die Fülle des Angebotes, warum über Generationen irgendwie die Fähigkeit zum Reparieren verlorengegangen ist. Die Hersteller ermutigten uns, jede Saison „aufzurüsten“ und mehr zu kaufen. Aber wir, die Anwender, fordern es auch, und die Industrie liefert mehr als bereitwillig. Gleichzeitig wollen wir Kunden immer weniger bezahlen und bekommen dementsprechend weniger Qualität.

Durch Zufall weiß ich noch, wie man einen Mantel umsäumt, einen Riss flickt oder einen Knopf wieder annäht. Aber die meisten Bekannten meiner Altersgruppe eher nicht. Und warum sollten sie auch? Die Fähigkeit macht keinen Sinn, wenn das Hemd fünf Dollar kostet und der Austausch nur einen Klick entfernt ist. Gleiches gilt für Haushaltsgeräte. Warum sollten wir einen Toaster reparieren, wenn ein neuer ein paar Euro kostet? Wir reparieren nur Dinge, die uns lieb sind oder einen erheblichen Wert haben, der den Aufwand rechtfertigt.

“We must not allow recycling to become an acceptable penance paid by those who do not want to change their ways.”

Die gestiegenen Recyclingquote hat uns einige Jahre lang ein gutes Gewissen erkauft. Zumindest für mich. Aber die Wahrheit ist, dass das meiste Recycling „Downcycling“ ist und ein Produktionsstandard, der Wartung und Reparatur vernachlässigt, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung ist. Wie Christopher Barnatt es ausdrückt: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Recycling zu einer akzeptablen Buße wird, die von denen bezahlt wird, die ihre Gewohnheiten nicht ändern wollen.“

Hier stehen wir also: Ein überbordender Konsum steht endlichen Ressourcen gegenüber. Viele Produkte sind mit „keine vom Benutzer zu wartenden Teile enthalten“ gekennzeichnet, und wir scheinen dies zu akzeptieren. Wir erdulden auch geringe Qualität und kurze Nutzungsdauer. Die Unternehmen, das Design und die Gesamtheit der Verbraucher müssen sich ändern, wenn wir das kapitalistische System nicht von Grund auf ändern wollen. Die Transition muss Geschäfts- und Servicemodelle sowie das aktive und authentische Management der Kundenerwartungen umfassen.
Angesichts der Tatsache, dass Design eine bedeutende Rolle dabei spielt, unsere Wünsche zu wecken und für die heute auf dem Markt befindlichen Produkte und Dienstleistungen verantwortlich ist, was kann es tun, um unsere Nachfrage zu zähmen und uns dabei zu helfen, Ressourcen sinnvoll zu nutzen?

Design, das uns hilft, uns anzupassen

Design can enable (or deny) repairability.

Design kann Reparaturfähigkeit ermöglichen (oder verweigern). Die heimische Glühbirne ist ein gutes Beispiel. Der genormte Bajonettverschluss ist einfach einzusetzen und zu entfernen. Es sind keine Werkzeuge erforderlich. Sogar ein „Luser“ (der dümmste anzunehmende Anwender) kann es bei einer handelsüblichen Lampe.

Völlig anders verhält es sich bei der Glühlampe für den Blinker in unseren Autos. Die Automobilindustrie hat einen ganzen Revenue Stream rund um die Wartung von Fahrzeugen entwickelt, weil eben nichts an unseren Autos mal eben so leicht repariert werden kann. Doch seien wir ehrlich, das ist pervertierte Reparierbarkeit und nicht was der Planet und die Menschheit brauchen.

Und die Geschichte wiederholt sich mit all den Beleuchtungsobjekten mit eingebauten LEDs, die nicht austauschbar sind. Mich würde sehr interessieren, wie das Verhältnis von eingesparter Energie bei der Nutzung und verlorenen Ressourcen durch kompletten Austausch bei Defekt ist. Hierzu muss ich demnächst meine Kollegen befragen.

Design can make disassembling easy (or impossible).

Design kann das Auseinanderbauen einfach (oder unmöglich) machen. Es gibt viele Möglichkeiten, verschiedene Materialien zusammenzusetzen. Verschleißteile sollten immer zugänglich sein und sich nicht auf Ewig hinter dem Styling verstecken bzw. verkleben. Schauen wir uns nur all die Apple-Produkte, Unterhaltungselektronik im Allgemeinen oder sogar Lebensmittelverpackungen an. Als Verbraucher müssen wir erst noch lernen, woraus ein Produkt besteht oder wie man es fachgerecht zerlegt. Design und Kommunikation sollten hier Hand in Hand gehen und uns nicht im Regen stehen lassen. Design kann Reparaturfähigkeit und wünschenswerte, zeitgemäße, elegante Ästhetik vereinen.

Design can leverage (or shorten) the lifespan of a product.

Design hat enormen Einfluss auf die Lebensdauer eines Produkts. Ein Design ausgelegt auf Reparierbarkeit und Demontage ist essenziell, um die Lebensdauer eines Produkts zu verlängern. Die Bereitschaft, zukünftige Funktionen zu integrieren, ist die nächste Evolutionsstufe. Die Gestaltung der Services und neuen Funktionen unter Einbeziehung des Erworbenen und dessen Wiederverwendung ist das, was die Welt braucht, um Wohlstand für alle zu sichern. Dabei gilt es nach Standards und Normen zustreben.
Standards gewährleisten die Sicherheit, Qualität und Zuverlässigkeit von Produkten und Dienstleistungen; für Unternehmen, den Handel, Dritte und Verbraucher. Standards verbessern Systeme und Prozesse; Sie reduzieren Abfall, senken Kosten und sorgen für Konsistenz.

Quality is a design decision, and so is waste.

Source

Qualität ist eine Designentscheidung, ebenso wie Abfall. Wie oben erwähnt, hängt die Lebensdauer eines Produkts auch von den verwendeten Materialien ab. Designer können den Teufelskreis minderwertiger Materialien durchbrechen und dennoch ein effizientes Ergebnis erzielen. Da sich immer mehr Unternehmen um ihre Scope-1-, -2- oder sogar -3-Emissionen kümmern, sind sie offen für neue Materialien, Recyclingprodukte und Dienstleistungen.

Designer können die Diskussion moderieren und nachhaltigere Optionen aufzeigen, um widerstandsfähige Materialströme aufzubauen. Natürlich erfordert dies viel Wissen und Einsichten, aber wer sonst könnte die Konsequenzen der Designentscheidung besser vorhersehen?

Deborah Sumter beschreibt die Kompetenzen für Design in einer Circular Economy viel besser. Sie untersucht die Lücken im Designwissen für eine Kreislaufwirtschaft, was auch als Bestandsaufnahme der Superkräfte von Designprofis gelesen werden kann oder als Bucket List fungiert, was als Nächstes zu lernen ist, um als Designer in der Kreislaufwirtschaft voranzukommen.

Design and Branding create value that people want to maintain.

Design und Branding schaffen Werte (Dinge von Wert), die Menschen erhalten bzw. behalten wollen.

Niemand sonst wird es tun, wenn Designer nicht selbst den Wert, die Sorgfalt und das Maß an Kompetenz, mit dem Sie das Produkt hergestellt haben, kommunizieren. Design und Markenmanagement müssen ihre Kräfte bündeln und Wege erarbeiten, damit die Menschen den Wert ihres Kaufs erkennen. Wenn dem Verbraucher keiner von den Entscheidungskämpfen erzählt und die Problemlösung nicht adressiert wird, nehmen wir das Produkt für selbstverständlich hin. Wir – die Verbraucher – sind so sehr an nutzerzentriertes Design gewöhnt, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, dass der Planet auch ein Stakeholder ist. Produkte sollten mit einem Stakeholder-zentrierten, systemischen Designansatz verbessert werden, der die verwobenen Ambitionen von Einzelpersonen, Unternehmen, Systemen und der Erde respektiert.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Design uns helfen kann, einen nachhaltigeren Lebensstil anzunehmen, wenn wir nicht wollen, dass zukünftig Mangel unsere Konsumentscheidung beeinflusst. Design ist dazu angetan, dass wir weniger Effizienz-Blabla und Verschwendung akzeptieren, aber für Produkte brennen, die wir gerne beibe- und erhalten. Das Design hat die Kraft, Reparaturen zu ermöglichen und diese lohnenswert zu machen.

Stefanie Wibbeke

Stefanie Wibbeke

Marketing & Communications

Stefanie leitet unser Kommunikations- und Content-Team. Als Wahlhamburgerin glaubt sie an Multi-Channel-Experiences und Häkeln.

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