Hey, ich bin jung (nun ja relativ jung), fit (also frei von diagnostizierten Krankheiten), leistungsfähig. Doch es ist so sicher, wie das Amen in der Kirche, dass das nicht so bleibt. Irgendwann werde ich nicht mehr von der Couch aufspringen, um die Heizung aufzudrehen, wenn mir kalt ist. Ich werde vergessen, ob ich meine Medikamente heute morgen genommen habe und meine Lieben werden sich fragen, ob es eine gute Idee ist, dass ich noch alleine wohne. Das ist eine grausame Vorstellung, aber bei einer alternden Gesellschaft unabwendbare Realität für viele Menschen.

Während wir uns im letzten Artikel angeschaut haben, welche Applikationen es bereits jetzt für Menschen mit eingeschränkter Reizverarbeitung/Befähigung gibt, blicken wir nun auf die Smart Home Entwicklung. Sprachassistenten und intelligenten Sensoren sind aus gut situierten Haushalten kaum noch wegzudenken. Wer kommt schon in ein kaltes oder dunkles Zuhause, wenn er die Heizung über das Smartphone aus der Bahn bedienen kann oder die Hue sich bei Sonnenuntergang selbst anschaltet. Fernab jedweder gesundheitlichen Einschränkungen machen Smart Devices und das Internet der Dinge unser Leben bereits jetzt komfortabler und sicherer.

Wir können also berechtigter Weise davon ausgehen, dass, wenn wir immer älter, bedürftiger und unsere Sinne unzuverlässiger werden, Drohnen für uns einkaufen, Roboter für uns putzen, AI unsere nachlassenden Sinne kompensiert und Sensoren uns dabei unterstützen den Haushalt zu schmeißen. Doch wie stellen wir für uns oder auf Drängen unserer Lieben sicher, dass wir auch die anderen Dinge unseres Lebens selbstbestimmt auf die Reihe bekommen und nicht so hilfsbedürftig sind, dass eine Heimunterbringung unvermeidbar ist?

Smarte Pillendispenser sind da eine Option. Tricella, zum Beispiel, erinnert mich an meine Medikation. Live!y könnte mich auch an meine Tabletten erinnern, aber primär stellt mir diese Smartwatch eine Notruffunktion zur Verfügung und ist gleichzeitig ein Fitness-Tracker. Sen.se kann noch mehr: Egal wo die Sensoren angebracht sind – von der Zahnbürste über den Kühlschrank – „Mother“ trackt jede Bewegung und stellt jede Aktivität in einem aufwendigen Dashboard zur Verfügung. HoneyCo seinerseits macht aus den ebenfalls mit Sensoren gesammelten Daten Pattern und schlägt Alarm, wenn sich diese ändern. Das ist mehr als sinnvoll, wenn ich als alter Mensch nicht mehr aus dem Bett komme, im Badezimmer ohnmächtig werde oder zwei Tage hintereinander die Küche nicht mehr betreten habe, die meine einzige Essenversorgung darstellt.

Aber genau da ist auch der Haken: Tricella verpetzt mich, wenn ich meine Medikamente nicht zur richtigen Zeit oder gar nicht nehme. Live!y erstellt Bewegungsprotokolle, die der medizinische Dienst der Pflegeversicherung bestimmt auch hoch spannend fände. Und geht es meine Lieben wirklich etwas an, ob ich mir abends die Zähne geputzt habe oder einfach vor dem Fernseher eingeschlafen bin? Die Detailliertheit der Informationen und ihre Aufbereitung in einer aufwendigen App fürs iPad machen mich persönlich unruhig. Wieviel Transparenz werde ich zulassen müssen, um selbstständig zu bleiben. Wieviel werde ich beobachtet, getrackt und vermessen werden, um das Minimum an emotionaler Autarkie zu erhalten, dass man mir in einem Heim vollständig verwehren würde aufgrund geregelter Pflegeabläufe und Gemeinschaftsspeisesälen? Meine Mutter würde sich auf jeden Fall bedanken (und ja, das ist absolut sarkastisch gemeint), wenn ich morgen ihr Zuhause umrüsten und ihr eine Smartwatch umschnallen würde, nur um im über 340 km entfernten Hamburg entspannt per Smartphone sehen zu können, dass sie klarkommt.

Privacy by Default und Design sind deshalb die wichtigsten Schlagwörter, wenn es um Technik als Enabler für die Älteren geht. Neben den Kosten wird unsere Reife im Umgang mit AI, Smart Devices und IoT darüber entscheiden, ob wir sicherer und bequemer oder nur besser bewacht, bis das Pattern Auffälligkeiten zeigt, selbstbestimmt leben werden.

[Photo by Alex Boyd on Unsplash]

Stefanie Wibbeke

Stefanie Wibbeke

Marketing & Communications

Stefanie leitet unser Kommunikations- und Content-Team. Als Wahlhamburgerin glaubt sie an Multi-Channel-Experiences und Häkeln.

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