Wo immer es um künstliche Intelligenz geht, sind die Apokalyptiker nicht fern. Deshalb fangen wir heute auch mit einem Bibelzitat an, dass perfekt die aktuelle Entwicklung beschreibt: Denn künstliche Intelligenz entwickelt sich aktuell zu einem wichtigen Baustein der Inklusion und zwar in der soziologischen, nicht ideologisch gefärbten Form, die Menschen ungeachtet ihrer Befähigung zu einer akzeptierten, gleichberechtigten und selbstbestimmten Teilhabe an der Gesellschaft einlädt.

Mit AI Barrieren überwinden

Um Inklusion ringen aktuell rund 36 Millionen blinde und 70 Millionen taube Mitmenschen weltweit (Quelle: WHO). Dazu kommt eine Vielzahl an Menschen, für die der Einkauf im Supermarkt oder der Besuch eines unbekannten Restaurants aufgrund diverser Einschränkungen eine Herausforderung ist. AI kann hier Barrieren überwinden und Unabhängigkeit fördern. Ein paar Beispiele wollen wir im Folgenden näher betrachten.

Seeing AI“, das Vorzeigeprojekt von Microsoft (kostenfrei erhältlich), unterstützt zum Beispiel bei der Interpretation visueller Eindrücke jeglicher Art. Währungen werden
optimal erkannt, Szenarien detailreich verbalisiert und selbst die Mimik einzelner Personen entschlüsselt. Großes Potential schlummert hier auch für diejenigen, die sich mit dem Erkennen von Emotionen schwertun. In der Anwendung zeigte die App allerdings einige Schwierigkeiten mit dem Erkennen des Alters: Brillenträger wurden grundsätzlich älter gemacht und auch ein langer Bürotag verfälschte die Interpretation des Alters stark. Wobei man sagen muss, ich fühlte mich an dem Tag ungefähr so alt wie die App vorschlug. Exzellent funktionierte dafür das Erkennen von Oberflächentexturen und Schrift. Beeindruckend war zudem die Geschwindigkeit, mit der aufgenommene Objekte analysiert und verbalisiert wurden.

Auch Aira, ein auf Google Glasses basierendes Serviceangebot für Menschen mit eingeschränkter oder nicht vorhandener Sehfähigkeit, ist ein gutes Beispiel, wo die Reise hingeht. Aktuell wird ein Großteil der Services über menschliche Agents abgebildet, die via Augmented Reality Dashboard die Umgebung des Nutzers in Echtzeit wahrnehmen und für ihn oder sie interpretieren und verbalisieren – ähnlich der „Be My Eyes” App. “hey Chloe” TM (Pressemeldung vom März 2018), einer künstlichen Intelligenz, die Medikamente erkennen kann, wird bereits ein Teil der menschlichen Übersetzungsleistung/Reizverarbeitung durch Technik abgebildet. Ebenfalls ein gutes Beispiel für die aktuelle Entwicklung, die bei der technischen Weiterentwicklung nicht nur den gesunden, gut situierten Hipster fokussiert, ist die signn-Ap. Sie übersetzt das geschriebene oder gesprochene Wort in Gebärden und sorgt so für schnelle Verständigung.

Apps und Services für bessere Inklusion und mehr Selbstbestimmung

Sämtliche Applikationen und Services, die vielerlei Einschränkungen kompensieren, sind ein wichtiger Schritt in Richtung Inklusion und mehr Selbstbestimmung. Wie
bereits John Maeda just bei SXSW in Austin feststellte: “When you are inclusive, there’s a huge design opportunity to make better products, which leads to more successful business.”

Überhaupt scheinen Tech-Firmen sich leichter mit Inklusion zu tun. Achte man nur auf Daisy-Abspielprogramme oder Schrifterkennung (OCR), die aus Schriftstücken Textdateien machen und diese per Screenreader-Stimme oder verbundener Bluetooth-Braillezeile wiedergeben. Dasselbe Brett bohren auch awardprämierte Ideen wie die Braille Smartwatch. Barrierefreiheit ist bei der Entwicklung vieler Apps und anderer technischer Anwendungen heute Common Sense; getreu unserem Motto „Human-first in Innovation“.

Smart Home Entwicklungen

Ihr fragt euch, warum ich mich heute überhaupt mit diesem Thema beschäftigt? Denn ja, ich bin jung (nun ja relativ jung), fit (also frei von diagnostizierten Krankheiten), leistungsfähig. Doch es ist so sicher, wie das Amen in der Kirche, dass das nicht so bleibt. Irgendwann werde ich nicht mehr von der Couch aufspringen, um die Heizung aufzudrehen, wenn mir kalt ist. Ich werde vergessen, ob ich meine Medikamente heute morgen genommen habe, und meine Lieben werden sich fragen, ob es eine gute Idee ist, dass ich noch alleine wohne. Das
ist eine grausame Vorstellung, aber bei einer alternden Gesellschaft unabwendbare Realität für viele Menschen.

Während wir bereits angeschaut haben, welche Applikationen es bereits jetzt für Menschen
mit eingeschränkter Reizverarbeitung/Befähigung gibt, blicken wir nun auf die Smart Home Entwicklung. Sprachassistenten und intelligenten Sensoren sind aus gut situierten Haushalten kaum noch wegzudenken. Wer kommt schon in ein kaltes oder dunkles Zuhause, wenn er die Heizung über das Smartphone aus der Bahn bedienen kann oder die Hue sich bei Sonnenuntergang selbst anschaltet. Fernab jedweder gesundheitlichen Einschränkungen machen Smart Devices und das Internet der Dinge unser Leben bereits jetzt komfortabler und sicherer. 

Wir können also berechtigter Weise davon ausgehen, dass, wenn wir immer älter, bedürftiger und unsere Sinne unzuverlässiger werden, Drohnen für uns einkaufen, Roboter für uns putzen, AI unsere nachlassenden Sinne kompensiert und Sensoren uns dabei unterstützen den Haushalt zu schmeißen. Doch wie stellen wir für uns oder auf Drängen unserer Lieben sicher, dass wir auch die anderen Dinge unseres Lebens selbstbestimmt auf die Reihe bekommen und nicht so hilfsbedürftig sind, dass eine Heimunterbringung unvermeidbar ist?

Technische Unterstützung für den Alltag

Smarte Pillendispenser sind da eine Option. Tricella, zum Beispiel, erinnert mich an meine Medikation. Live!y könnte mich auch an meine Tabletten erinnern, aber primär stellt mir diese Smartwatch eine Notruffunktion zur Verfügung und ist gleichzeitig ein Fitness-Tracker. Sen.se kann noch mehr: Egal wo die Sensoren angebracht sind – von der Zahnbürste über den Kühlschrank – „Mother“ trackt jede Bewegung und stellt jede Aktivität in einem aufwendigen Dashboard zur Verfügung. HoneyCo seinerseits macht aus den ebenfalls mit Sensoren gesammelten Daten Pattern und schlägt Alarm, wenn sich diese ändern. Das ist mehr als sinnvoll, wenn ich als alter Mensch nicht mehr aus dem Bett komme, im Badezimmer ohnmächtig werde oder zwei Tage hintereinander die Küche nicht mehr betreten habe, die meine einzige Essenversorgung darstellt.

Aber genau da ist auch der Haken: Tricella verpetzt mich, wenn ich meine Medikamente nicht zur richtigen Zeit oder gar nicht nehme. Live!y erstellt Bewegungsprotokolle, die der medizinische Dienst der Pflegeversicherung bestimmt auch hoch spannend fände. Und geht es meine Lieben wirklich etwas an, ob ich mir abends die Zähne geputzt habe oder einfach vor dem Fernseher eingeschlafen bin? Die Detailliertheit der Informationen und ihre Aufbereitung in einer aufwendigen App fürs iPad machen mich persönlich unruhig. Wieviel Transparenz werde ich zulassen müssen, um selbstständig zu bleiben. Wieviel werde ich beobachtet, getrackt und vermessen werden, um das Minimum an emotionaler Autarkie zu erhalten, dass man mir in einem Heim vollständig verwehren würde aufgrund geregelter Pflegeabläufe und Gemeinschaftsspeisesälen? Meine Mutter würde sich auf jeden Fall bedanken (und ja, das ist absolut sarkastisch gemeint), wenn ich morgen ihr Zuhause umrüsten und ihr eine Smartwatch umschnallen würde, nur um im über 340 km entfernten Hamburg entspannt per Smartphone sehen zu können, dass sie klarkommt. 

Privacy by Default und Design sind deshalb die wichtigsten Schlagwörter, wenn es um Technik als Enabler für die Älteren geht. Neben den Kosten wird unsere Reife im Umgang mit AI, Smart Devices und IoT darüber entscheiden, ob wir sicherer und bequemer oder nur besser bewacht, bis das Pattern Auffälligkeiten zeigt, selbstbestimmt leben werden. 

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by Rhendi Rukmana on Unsplash

Stefanie Wibbeke

Stefanie Wibbeke

Marketing & Communications

Stefanie leitet unser Kommunikations- und Content-Team. Als Wahlhamburgerin glaubt sie an Multi-Channel-Experiences und Häkeln.

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