Event

January 29, 2019

Reine Formsache

Gestern waren wir in Köln zur KISD-Konferenz rund um Innovation im Öffentlichen Sektor. Was sich wie das Aufeinanderprallen zweier Welten anhört, war in Wirklichkeit der fruchtbare Austausch zwischen Service Design, Politik, Wissenschaft und öffentlichem Dienst.

Service Design und Öffentlicher Sektor werden vielfach in Deutschland als Widerspruch empfunden – je nachdem wieviel Zeit zwischen der letzten Erfahrung des Bürgers mit der staatlichen Dienstleistung liegt. Ich selbst kenne einige Behördenflure, auf denen ich auf Abschriften/Durchschriften oder Dokumente wartete, nur um sie dann in das nächste Postkörbchen zu tragen und Wochen später ablehnende Bescheide in meinem privaten Briefkasten zu finden. Frustrierend, anstrengend und für alle Seiten unbefriedigend.

Dass es so nicht weitergeht, unterstreicht auch der European eGovernment Action Plan, der bis 2020 nicht nur vorsieht, öffentliche Dienstleistungen standardmäßig digitalisiert anzubieten, sondern auch dem Once-Only-Prinzip frönt. Welch eine Vorstellung: Informationen, die einmal eingereicht bzw. die einmalig erfasst wurden, stehen dann allen Ämtern zur Verfügung und dem Bürger stehen im Gegenzug ohne lästige Öffnungszeiten Dienstleistungen online zur Verfügung. Großbritannien, Dänemark oder Spanien gehen hier bereits mit gutem Beispiel voran. So auch Finnland, dessen digitalisierte Migrationsaktivitäten auf der Bühne von Suse Miessner vorgestellt wurden.

Aber der Reihe nach: Wie können Services für Bürgerinnen und Bürger einfacher, transparenter und kundenzentrierter gestaltet werden? Wie lassen sich Verwaltungsstrukturen verschlanken und modernisieren? Und was hat Design mit all dem zu tun? Zu diesen Fragen veranstaltete die KISD – Köln International School of Design der TH Köln am 28. Januar die Konferenz „Reine Formsache: Innovation im öffentlichen Sektor“. Mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Unternehmen, Wissenschaft, Forschung und dem öffentlichen Sektor präsentierten und diskutierten internationale Konzepte aus dem Bereich Service Design für Verwaltungen.


Eröffnet wurde die Konferenz, die ein Studentenprojekt unter der Federführung von Prof. Dr. Birgit Mager ist, von den Notablen. Henriette Reker, Oberbürgermeisterin der Stadt Köln, plädierte für eine neue Organisationskultur, um kunden- und bedarfsorientierte Dienstleistungsangebote mit neunzehntausend Beschäftigten im öffentlichen Sektor schaffen zu können. 150 Projekte hat die Stadt im ersten Reformjahr #wirfürdieStadt bereits auf den Weg gebracht und dabei viel zum Thema Transformation und Change-Kommunikation gelernt. „Gestalten Sie die Zukunft mit“, war ihr herzlicher Appell an das anwesende Publikum.

Diesen würde bestimmt auch Stefan Herzig, Präsident der TH Köln, unterschreiben, der Design im Kontext immaterieller Güter und Innovationen als wandelnde Kraft vom Formalisten zum Dienstleister beschrieb und Parallelen zwischen dem Ziel des Hochschulentwicklungsplans und der gestrigen Konferenz zog. Wie Wissen gesellschaftlich wirksam gemacht wird und dabei explorativem Anspruch genügt, zeigte Birgit Mager anschließend exemplarisch am Beispiel „Gulliver“, dass in den 90ern zu einem ihrer ersten universitären Designprojekte zählte. An dem heute noch lebendigen „Service für Obdachlose der Stadt Köln“ zeigt sich – wie sie leidenschaftlich betonte – dass Service Design nie fertig ist; es gibt immer noch etwas zu verbessern, neue Ideen einzubringen oder Leistungen und technische Optionen weiter zu choreographieren.

Bei den anschließenden Vorträgen standen Pionierleistungen durch die intelligente Umgestaltung bestehender öffentlicher Dienste im Fokus, während es in einer Vielzahl der Workshops eher um den Erkenntnisgewinn im Prozess und die notwendigen Toolkenntnisse ging. Positiv fiel das Lineup besonders durch seinen hohen Frauenanteil auf.

Beispiele wie goodthinking.org, startingupsmoothly.fi oder die Wiener Linien zeigten, dass ein gerütteltes Maß an Designtools, Experimentieren und Mut zu erstaunlichen Ergebnissen führen kann, wobei nicht der Einsatz technischer Mittel sondern die gezielte Konzentration auf die Fragestellungen und Problemfelder des Kunden/der Mitarbeiter den Innovationsgrad ausmacht.

Es war spannend zu beobachten, wie Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes auf die Designtools reagierten. Ein hübsch gelayoutetes Canvas oder ein TimeTimer entlocken dem Designer nicht mal ein Schulterzucken, aber für viele „Öffentliche“ schien es eine neue und durchaus belebende Erfahrung zu sein. „Konkret werden und anfangen, dann passiert auch was“, fasste ein Teilnehmer seine Begeisterung zusammen.


Die Vorträge wurden aufgezeichnet und sind online verfügbar. Bereits jetzt erhältlich ist die Publikation.

Im Rückblick bleibt zu hoffen, dass sich die Innovations-Heatmap Europas – besonders im deutschsprachigen Raum – demnächst füllt. Ein Grundstein ist mit der gestrigen Konferenz dazu gekommen.

Stefanie Wibbeke

Head of Marketing

Stefanie is Head of Marketing at INDEED. She is responsible for spreading the word about us through digital and social marketing, partnerships, events, and more. As humanities scholar, she questions our work from a different angle and makes us explain projects with the human experience in mind. Residing in Hamburg by choice, she couldn’t live without her daily dose of crocheting.

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