Thinking

March 13, 2018

Nur ein bisschen Geduld…

Unser neue Kollege Jessie denkt über Geduld und das aktuelle Fehlen ebendieser nach ...

Wer kennt sie nicht: die Frustration, wenn eine Webseite "zu lange" lädt, den Ärger über die halbstündige Verspätung des Heimflugs oder die Ungeduld in der Warteschleife, bis endlich ein Kundendienstmitarbeiter frei wird. Falls nicht, dann kennt man aber, das unbewusste klicken auf den Refresh-Button von Websites/Mailboxen, das Checken von WhatsApp etc., während man eigentlich in der sich quälend langsam vorwärts bewegenden Supermarktschlange steht.

Meine Freunde und Familie halten mich für eine ziemlich gelassene Person, doch auch ich bin ungeduldig – regelmäßig. Und ich glaube nicht, dass ich alleine mit meiner täglichen Frustration bin sondern vermute, dass dies ein gesellschaftliches Phänomen ist, das im Trend liegt – allerdings nicht auf die coole, beneidenswerte Art. Ich vermute vielmehr, dass wir gemeinsam unsere Geduld verlieren.

"Geduld ist eine Tugend" hieß es früher; zurückgehend auf ein 1360 geschriebenes Gedicht. In der buddhistischen Tradition (zusammen mit vielen anderen großen Weltreligionen) ist Geduld oder Kshanti ein zentraler Grundsatz von gutem Leben; ein Baustein von Selbstliebe und positiven Beziehungen zu anderen. Die Fähigkeit, Rückschläge, Ärger oder Leiden zu akzeptieren und zu ertragen, ohne wütend oder verärgert zu werden, ist in unserem Zeitalter der technologischen Effizienz eine schnell aussterbende Fähigkeit. Mit zunehmender Geschwindigkeit und erweitertem Umfang haben Fortschritte in der Technologie eine negative Wirkung auf unser Toleranzempfinden. Wenn wir nicht daran arbeiten, unsere Geduld zurückzugewinnen, werden wir uns zunehmend reizbar und unglücklich fühlen.

Ironischerweise ist es gerade die Effizienz, die uns immer ungeduldiger macht, obwohl wir im Laufe der Zeit bemerkenswert gut darin sind, tägliche Verzögerungen und Probleme zu minimieren. Vor 150 Jahren hätte es beispielweise fünf Monate gedauert, von Missouri nach Kalifornien zu reisen. Heute erreichen wir dasselbe Ziel in weniger als fünf Stunden mit High-Speed-WLAN, Erdnüssen und Tomatensaft. Ähnlich verhält es sich mit der Recherche: statt die Enzyklopädie Britannica in der Bibliothek durchzublättern, googlen wir heute am Smartphone dieselben Sachverhalte – nur viel schneller.

Trotz aller Geschwindigkeit empören wir uns vermehrt über Verzögerungen, die vor Jahrzehnten als unergründlicher Fortschritt erschienen, der an Science-Fiction grenzte. Dies ist ein Teil dessen, was ich "Erwartungskrise" nenne.

Die Erwartungskrise tritt ein, wenn wir als technologisierte Gesellschaft weit vorangeschritten sind aber unsere durch den Fortschritt geschulte Erwartung immer noch größer ist. So schaffen wir uns selbst eine Kluft zwischen Erwartung und Realität. Unsere Erwartung wächst exponentiell zur Effizienz-Steigerung der Entwicklungen. Für viele von uns ist dies eine Zeit des relativen Luxus: Wir können 200 Millionen Artikeln bei Amazon bestellen und die Lieferung innerhalb von ein bis zwei Tagen erwarten. Mit dieser Erwartungshaltung fühlt sich ein verpasster Liefertag wie ein persönlicher Angriff an und verursacht tiefe Frustration. Studien, die von Google, Akamai Technologies und UMass Amherst durchgeführt wurden, zeigen, dass unsere Geduld für die Ladezeit von Webseiten zwischen 2006-2012 von 4 Sekunden auf 250 Millisekunden gesunken ist. Das ist ein sechzehnfacher Rückgang der Geduld in nur 6 Jahren! Während es objektiv eine fantastische Zeit ist, um am Leben zu sein, fühlt sich unsere Moment-zu-Moment-Erfahrung oft nicht so an.

Leider sieht die Zukunft nicht unbedingt besser aus. In einem TED-Vortrag über die Zukunft der Robotik stellt ein Wissenschaftler Beispiele von Robotern vor, die für sie alltägliche Aufgaben erledigen; er putzt ihr Haus, mähte ihren Rasen und tauscht das Katzenstreu. Auf den ersten Blick scheint dies der genaue Zweck der Technologie zu sein; Menschen erlauben, ihre Zeit nur mit der höchsten Arbeit zu verbringen. Es gibt jedoch eine beunruhigende Seite bei diesem technologischen Ansatz. Zuallererst geht er davon aus, dass wir genau wissen, welche Arbeit als hoch- und welche als minderwertig angesehen wird. Und noch wichtiger, diese Delegierung von Arbeit an unsere mechanischen Freunde wird wahrscheinlich unsere Geduld für "geringer bewertete" Arbeit (was auch immer wir in dieser Kategorie sehen) verringern. Wir werden schnell zu Arbeits-Snobs; Wir haben keine Geduld für die Arbeit, die als unwichtig angesehen wird.

Die Auswirkung des globalen Geduldverlustes ist dort besonders beunruhigend, wo er sich auf die Interaktionen mit unseren Mitmenschen auswirkt. Menschliche Beziehungen sind von Natur aus ineffizient und erfordern viel Geduld. Je mehr Zeit wir aber mit Robotern verbringen, die unterwürfig sind, sofort und konsequent auf jede Anfrage reagieren, desto mehr erwarten wir das u.U. auch von unseren Mitmenschen. Je mehr Menschen diese Art von Unterwürfigkeit und Unmittelbarkeit erwarten, desto weniger wahrscheinlich wird die Zusammenarbeit. Dies ist der bedrohliche Teil der Erwartungskrise.

Wie Jack Ma in seiner WEF-Rede herausstellt, sind wir so darauf fokussiert, Roboter menschlicher zu machen, dass wir vergessen darauf zu achten, die Menschen nicht zu Robotern zu machen. Wir werden, wenn wir es nicht bereits getan haben, der Erwartungskrise in Bezug auf unsere Interaktionen zwischen Mensch und Mensch zum Opfer fallen. Wie die populäre Harvard University-Studie zur Erwachsenenbildung zeigte, sind positive soziale Beziehungen der Schlüsselfaktor für ein glückliches (und gesundes) Leben. Wenn wir jedoch unsere Geduld verlieren, mit immer schnellerer Frequenz über immer kleinere Dinge, werden wir dann noch in der Lage sein, die notwendige Zeit und Energie in unsere Beziehungen zu investieren, die das Lebenselixier unseres Wohlbefindens und unserer Glückseligkeit sind? Wenn unsere Erwartungen weiterhin rapide wachsen, werden wir sehen, dass unsere Beziehungen im selben Tempo abnehmen bzw. schwächeln. Während wir unsere stündlich von Amazon gelieferten Drohnen-Geschenkpakete auspacken, werden wir das alleine tun, für uns selbst und nur für uns selbst, weil unsere Mitmenschen uns zu langsam und ineffizient sind… das hört sich elend an.

Die Technologie kann jeden Tag große Fortschritte machen, aber hier sind 5 kleine Maßnahmen, die wir ergreifen sollten, um unsere Geduld zu schulen:

1. Ineffiziente, menschliche Erfahrungen

Suchen wir das schwierige Gespräch mit jemandem oder stürzen wir uns in eine hitzige Debatte ohne Scheu, und lasst uns dies als lohnende Geduldsübung begrüßen.

2. Spazierengehen ohne Ziel

Pro Woche eine lange Wanderung ohne Zweck: Stoppen wir bei roten Ampeln und schauen uns die Umgebung an, entdecken wir manchmal Unerwartetes.

3. Stille aushalten

Egal, ob im echten, persönlichen Gespräch oder im Meeting. Stille kann man auch genießen, ohne sich schlecht zu fühlen.

4. Schlange stehen

Warten Sie in jedweder Warteschlange ohne Ihr Telefon zu überprüfen. Dieses ist selbsterklärend, aber es ist so eine Gewohnheit geworden, dass es am schwierigsten zu brechen ist (Literatur: Deep Work von Cal Newport).

5. Geduld von anderen lernen

Es lohnt sich, die Zeit mit kleinen Kindern oder Alten zu verbringen. Sie haben Geduld; vielmals weil sie entweder aufgehört haben oder noch nicht damit angefangen haben nach einem Terminplan zu leben.

Axl Rose ist bekannt für viele Dinge (wie Auftritte in Unterwäsche oder Fischnetz-Bühnenkostüme sowie Last-Minute-Konzertabsagen), wenn auch nicht als Philosoph oder Beziehungsratgeber. Doch in einer von Gun N 'Roses klangvolleren Balladen traf er den Nagel auf den Kopf: “All we need is just a little patience.”

Jessie Stettin

Director of Strategy

Jessie occasionally supported our New York subsidiary. He is a behavioural economist, humanist and futurist whose passion lies in preserving the beauty and enhancing the depth of humanity in an age in which technology, efficiency and data increasingly overshadow that.

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