Interview

November 8, 2018

Angst versus Optimismus (Teil 5)

Wir machen weiter mit einem Interview zwischen Andrea und Heiko: Wie gelingt es Angst in Optimismus zu verwandeln, wenn es um künstliche Intelligenz geht?

Andrea: Hallo Heiko, danke, dass du dich auch mit meiner Frage beschäftigt hast. Mir sind deine Gedanken dazu deswegen wichtig, weil du einer von den Kollegen bei Indeed bist, die auch häufig Vorträge halten und Du somit ja in Kontakt mit ‚den Leuten draußen’ bist.

Heiko: Ja, das stimmt. Allerdings ist das auch eher Fachpublikum, und da gibt es meistens zwei Lager. Diejenigen, die sich mit Moral, Ethik und Gesellschaft beschäftigen begegnen dem Thema fragend. Das Wirtschaftspublikum sieht dagegen immenses Businesspotential, von dem viele davon ausgehen, dass es jetzt und heute direkt mit KI umsetzbar ist und direkt cash produziert.

Andrea: Du findest auch, dass ihr Kreativen da in der Verantwortung seid?

Heiko: Es ist ja eine Tatsache, dass das, was innerhalb von KI-Entwicklung passiert, von Menschen getrieben ist. Darauf basiert auch die Angst – nämlich, dass Menschen, die ‚Böses‘ wollen, wie auch immer jeder einzelne das definiert, der KI beibringen, diese ‚bösen Dinge’ auszuführen. Da ist es natürlich an uns, die wir den Fortschritt und die Innovationen mitgestalten und entwickeln, konstant und immer wieder „das Gute“ zu erschaffen und gute „Lehrer“ für KIs zu sein. Und es gibt viele vordergründig gute Entwicklungen in dem Bereich.

Andrea: Hast Du Beispiele?

Heiko: Aipoly, die als Objekterkennung für Menschen mit Sehbehinderung in real-time starteten und jetzt weiter in den Handel expandieren.
Waverly hilft in Zukunft bei der Kommunikation. Es handelt sich um in-ear-buds, die (fast) in Echtzeit Sprache direkt übersetzen, so dass sich Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen natürlich unterhalten können.

Andrea: Das klingt vielversprechend! Und tatsächlich sind das Beispiele, bei denen die neue Technologie eine Hilfe für Menschen ist.

Heiko: Es ist wie bei allen neuen Sachen – wir Designer entwickeln ja nicht einfach ein eine tolle App, weil es explizit gefragt und/oder machbar ist. Sondern wir designen für einen bestimmten Zweck – und der ist eben der entscheidende Punkt: Man kann eine Rakete als nukleare Waffe nutzen und Menschen töten. Sie wird aber auch als Träger einer Weltraumkapsel eingesetzt, mit der Astronauten das All und neue Welten erkunden können. Ein guter Zweck wird gute Künstliche Intelligenz hervorbringen – das Einzige, wovor wir tatsächlich Angst haben müssen, sind wir selbst.

Andrea: Das was im Allgemeinen durchklingt, ist aber eher die Angst vor der Technik, habe ich das Gefühl.

Heiko: Der springende Punkt ist, dass es unsere Vorstellungen übersteigt, dass etwas künstlich Erdachtes ‚eigene’ Entscheidungen trifft. Das macht Angst – so wie alles Unbekannte. Wichtig ist zu verstehen, dass es hier um die Entscheidung geht, die Angst macht, nicht die Technologie. Keiner hat Angst vor dem Roboter, der gelernt hat, wie er mir helfen kann. Angst macht nur, wenn jemand anders entschieden hat, das der Roboter mich ausspähen soll und ich das nicht weiß…. Das ist aber nichts Neues, oder?
Aber: Wir erschaffen das Unbekannte ja gerade selbst. Wir sind die Eltern dieser Technologie. Ob wir gute oder schlechte Eltern werden bestimmt nicht die KI. Und das heißt auch nicht, dass wir die KI kontrollieren können, sondern dass wir selber den Zweck bestimmen und das Neue dem entsprechend aktiv, positiv gestalten sollen.
Ich denke es ist auch wichtig zu verstehen, dass viele, wenn sie KI sagen an eine „starke KI“, mit selbstentwickelnden und tatsächlich agierenden Fähigkeiten denken. Heutzutage haben wir es aber noch mit der „schwachen KI“ zu tun, die reaktiv agiert und dem von uns gegebenen Zweck folgt.

Andrea: Das ist ein interessanter Aspekt, leuchtet ein. Und hat eine beruhigende und beunruhigende Aussage. Wie würdest Du die Allgemeinheit noch beruhigen bzw. aufklären?

Heiko: Generell möchte ich mal gar nicht beruhigen, denn das wäre aus meiner Sicht fatal, wie es schon immer in der Geschichte fatal war, die Menschen in Sicherheit zu wiegen. Aufklärung ist da schon eher mein Anliegen. Wer sich beruhigt zurücklehnt und denkt, ach das wird schon alles gut, der mag sich im schlimmsten Fall täuschen. Wer sich dagegen einbringt mit EIGENEN ENTSCHEIDUNGEN, der bestimmt mit wie sich die Welt und auch die kommenden Generationen der KI entwickeln. Der braucht auch keine Angst zu haben.

Es gibt fünf Aspekte, die ich gerne noch herausstellen möchte:

UNBEQUEME ENTSCHEIDUNGEN

Wir treffen die Entscheidungen (noch). Zurücklehnen heißt, anderen die Entscheidungen zu überlassen. Das ist sicherlich bequem, doch genau da entsteht die KI, vor der man Angst haben kann (nicht muss). Wenn Entscheidungen nicht von mir getroffen werden, sondern von anderen, muss „ich mich darauf verlassen“, „es ist mir egal“ oder „ich weiß gar nichts davon“. Ich persönlich bin es gewohnt Dinge zu hinterfragen und hinter den Vorhang zu sehen, um Dinge zu verstehen. Verständnis schafft mitunter Vertrauen und noch viel wichtiger die Befähigung eigene Entscheidungen treffen zu können. Das kann natürlich anstrengend sein und ist nicht gerade bequem….

NOCH IST ES NICHT SOWEIT

Die Künstliche Intelligenz ist längst noch nicht so weit wie viele meinen. Sie kann bereits beeindruckende Aufgaben lösen, ist aber Lichtjahre davon entfernt, wie ein Mensch sinnstiftend und differenziert zu agieren. Sollte es irgendwann soweit sein, hat eine starke KI unsere Werte gelernt. Eine starke KI wird mein Haus schützen und potentielle Eindringlinge erkennen. Aber hoffentlich bringen wir ihr auch bei dem Boten die Tür zu öffnen und positiv zu handeln, statt überall Feinde zu sehen.

LEHRAUFTRAG

Die Künstliche Intelligenz wird Neues entwickeln und das teilweise eigenständig. Sie muss aber (noch) von uns angeleitet werden, so wie ein Kind zur Schule gehen muss, um Dinge zu lernen. Wenn wir bösartige Lehrer sind, werden wir ihr böse Dinge beibringen – sind wir gut, werden wir eine wunderbare Generation freundlicher KIs hervorbringen. Verbote bringen da eher nichts, denn ein Kind will und wird lernen (auch Verbotenes, das von anderen herangetragen wird). Gut, wenn es selber abgleichen kann, was gut und vorteilhaft ist.

KI & JOBS

Natürlich wird die KI Jobs ersetzen und einige werden auch komplett wegfallen. Traktoren haben Pferde ersetzt, industrielle Fertigungsmethoden Schuhmacher und moderne Rechenzentren Finanzexperten. Und dennoch gibt es heute noch jede Menge toller Aufgaben, die wir tun können und die wir zu tun haben. So funktioniert der Wandel und er wird immer Neues, heute noch Unbekanntes hervorbringen – nicht innerhalb eines Tages aber innerhalb einer Übergangsphase. Jeder muss sich selbst fragen, was er weiter tun möchte und was ihn oder sie persönlich glücklich macht. Wenn jemand z.B. sein Glück als Schumacher finden möchte, gut. Es gibt brillante Manufakturen, die phantastische Produkte hervorbringen. Dennoch muss man sich mit dem Wissen um industrielle Fertigung und Individualisierung von Schuhen bequem per Click fragen, ob der Beruf des Schumachers auch wirtschaftlich tragbar ist und das persönliche Glück skalierbar ist – die eigene Entscheidung.

HUMAN-FIRST IN INNOVATION

Ich persönlich bin der Meinung, dass die Entwicklung von KI einen umso besseren Verlauf nimmt, je menschlicher sie wird. Der Mensch wird immer über Handlungen nachdenken und er ist empathisch – eine Maschine kann beides nicht. Eine Maschine tötet, so wie im Tatort, weil ihr befohlen wurde zu töten. Zukünftige KI kann aber fähig sein, den Befehl zu überdenken und diesen mit dem, was ihr ‚in der Schule’ beigebracht wurde, abzugleichen. Und die bessere Entscheidung treffen.

Letztendlich ist es wie bei allem Neuen: Wenn Du Vertrauen in die Welt haben willst, musst Du sie bereisen, sie kennenlernen und das Beste für Dich mitnehmen. Mit KI ist es nichts anderes.

Andrea: Ja, so ist es. Fragt sich nur, wie wir die Menschen dazu ermutigen können...

Heiko: Ich glaube, da muss man in Generationen denken – jede hat andere Ängste. Und Kinder zum Beispiel haben gar keine, man darf sie eben nur nicht komplett davon fernhalten, wie gesagt Verbote bringen nicht viel…

Andrea: Also müssen die Eltern erreicht werden?

Heiko: Die und auch die Schulen. Vielleicht wäre es sogar gut, wenn die Schulen anfangen, denn die erreichen ja durchaus auch die Eltern. Es gibt tatsächlich schon ganz spannende Initiativen, wie z. B. die Haba Digitalwerkstatt oder die Hacker School. Überhaupt gibt es beispielsweise in Hamburg wirklich viele Angebote von ‚Kids für IT’ über ‚Klickerkids’ bis zu ‚Chaos macht Schule’ vom Chaos Computer Club. Das Problem ist nur, dass diese Initiativen keinerlei Zugang zu Schulen finden – eine komplett verpasste Möglichkeit, denn das wäre ein echter Gewinn für den Unterricht und würde das Bewusstsein für KI auf die richtige Weise schärfen.



Dies Interview ist Teil einer Blogserie, die mit diesem Artikel anfing: Digitalisierung und KI in 2 Welten. Bereits erschienen sind die Antworten von Minjoo, Karel und Steffi.

Andrea Vorm Walde DE

PR and Communications

Andrea kümmert sich um unsere PR und zeigt gerne, wie innovativ und vielseitig Indeed ist. Eigentlich ist sie zuständig für die Worte – trotzdem lässt sie uns hier meistens den Vortritt, weil wir als Designer und Entwickler in unserem Blog ganz authentisch berichten wollen. Und das können wir am besten selber.

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